Kapitalmarktrückblick für das 1. Quartal 2026
Was im Januar noch nach einem der stärksten Jahresauftakte seit Langem aussah, endete im März in einer der schwersten geopolitischen Krisen der Nachkriegsgeschichte. Das Quartal lässt sich in drei Phasen unterteilen.
Januar: Rekorde und ein Paukenschlag aus Caracas.
In der Nacht zum 3. Januar verhafteten US-Spezialkräfte den venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro in Caracas. Trump erklärte, die USA würden Venezuela „führen“ – und lud noch am selben Tag 17 Ölkonzerne ins Weiße Haus. Die Märkte reagierten gelassen und setzten ihren Aufwärtstrend fort. Der DAX markierte am 13. Januar mit 25.507 Punkten ein Allzeithoch, der S&P 500 überstieg die 7.000-Punkte-Marke. Drei Viertel der berichtenden S&P-500-Unternehmen schlugen die Gewinnschätzungen, die Marktbreite war außergewöhnlich stark. Am 6. Januar signalisierte der Pariser Ukraine-Gipfel der „Coalition of the Willing“ erste Fortschritte in der Friedensfrage. Einen ersten Dämpfer gab es Ende Januar: Die Nominierung von Kevin Warsh als neuen Fed-Chef dämpfte die Zinssenkungsfantasie.
Februar: Rotation, Verfassungsurteil, Zoll-Neuordnung.
Investoren begannen, das Technologie-Narrativ zu hinterfragen. Die Kernfrage: Was passiert mit lizenzbasierter Software, wenn KI-Agenten Wissensarbeit autonom übernehmen? Microsoft verlor über 20 Prozent seit Jahresbeginn, Salesforce, ServiceNow und Adobe folgten mit zweistelligen Abschlägen. Eine SAP-Gewinnwarnung am 4. Februar beschleunigte den Abverkauf, das Kapital rotierte in Industrie, Rüstung und Grundstoffe. Am 20. Februar erklärte der Supreme Court die IEEPA-Zölle Trumps mit 6:3 Stimmen für verfassungswidrig – rund 175 Milliarden Dollar an erhobenen Zöllen könnten zurückerstattet werden müssen. Trump reagierte noch am selben Tag mit einem neuen Pauschaltarif auf Basis von Section 122, zunächst 10 Prozent, einen Tag später auf 15 Prozent erhöht. Die Rechtsunsicherheit in der US-Handelspolitik blieb bestehen.
Der 28. Februar: Der Tag, der alles veränderte.
Die USA und Israel starteten die Operation „Epic Fury“ gegen den Iran. Koordinierte Luftangriffe töteten Ayatollah Ali Khamenei sowie den Verteidigungsminister und zahlreiche Geheimdienstoffiziere. Der Iran schloss die Straße von Hormuz. Die Ölpreise explodierten, Finanzmärkte brachen ein. Der DAX fiel vom Allzeithoch um über 10 Prozent auf rund 22.300 Punkte, der S&P 500 verlor rund 8 Prozent. Der VDAX-New kletterte auf 33,76 Prozent, der Fear & Greed Index notierte bei 10 Punkten – „Extreme Fear“. Ende März zeigten sich erste Erholungstendenzen; Pakistan vermittelte in Waffenstillstandsgesprächen. Das Quartal endete mit einem aktiven Krieg, einem blockierten Ölkorridor und mehr offenen Fragen als Antworten.

Konjunktur und Kapitalmarktumfeld
Das Quartal teilte sich konjunkturell genauso klar wie an den Börsen: solide Ausgangslage zu Jahresbeginn, abrupter Bruch nach dem 28. Februar.
USA. Das BIP war 2025 um rund 2,3 Prozent gewachsen, Konsum und Unternehmensinvestitionen blieben robust. Die Inflation hatte sich auf 2,4 Prozent zurückgebildet, die Arbeitslosenquote lag bei 4,4 Prozent. Mit dem Iran-Krieg revidierte die OECD die US-Inflationsprognose auf 4,2 Prozent. Die Fed fand sich in einer stagflationären Zwickmühle: steigende Energiepreise auf der einen, konjunkturelle Abkühlung auf der anderen Seite.
Deutschland. Deutschland kam aus drei Jahren Stagnation und Rezession. Die Unternehmensinsolvenzen erreichten mit 4.573 Fällen ein 20-Jahres-Hoch. Hoffnungsträger war das Sondervermögen – 500 Milliarden Euro für Infrastruktur und Rüstung –, das 2026 erstmals spürbar wirken sollte. Nach dem Iran-Schock halbierte die Bundesregierung ihre Wachstumsprognose auf 0,5 Prozent, das ifo-Institut stufte Deutschland als eines der rezessionsgefährdetsten Länder Europas ein. Die Inflation stieg im März auf 2,7 Prozent.
Europa. Der Einkaufsmanagerindex erreichte im Februar mit 51,9 den höchsten Stand seit fast zwei Jahren. Der Iran-Schock traf auf historisch niedrige Gaslagerfüllstände von nur 30 Prozent. EZB und IMF senkten ihre Wachstumsprognosen für die Eurozone auf 0,9 bzw. 1,1 Prozent, die Inflation stieg auf 2,5 Prozent.
China und die Welt. China überraschte mit BIP-Wachstum von 5,0 Prozent – getragen von starken Exporten und robuster Industrieproduktion. Der Energieschock wurde durch strategische Reserven zunächst abgepuffert; strukturell blieb der private Konsum schwach. Energieexporteure wie Russland, Norwegen und Brasilien profitierten, während ölabhängige Volkswirtschaften in Japan, Südkorea und Südostasien unmittelbar getroffen wurden. Der IMF erhöhte seine globale Inflationsprognose auf 4,4 Prozent.
Das erste Quartal 2026 beendete den vorsichtigen Lockerungszyklus des Vorjahres abrupt. Alle großen Zentralbanken hielten ihre Zinsen unverändert und stehen vor dem gleichen Dilemma: Der Energiepreisschock erzwingt Zurückhaltung bei Senkungen, während das Wachstum gleichzeitig nachlässt.
Federal Reserve. Zwei Sitzungen, zwei Pausen – der Leitzins blieb bei 3,50 bis 3,75 Prozent. Die Fed revidierte ihre Inflationsprognose auf 2,7 Prozent, Zinssenkungen sind vorerst vom Tisch. Powell: „We have an energy shock of some size and duration. We don’t know what that will be.“ Zusätzliche Unsicherheit schafft der Führungswechsel: Powells Amtszeit endet im Mai, designierter Nachfolger Warsh hat sich seit dem Ölpreisanstieg nicht mehr zur geldpolitischen Richtung geäußert.
EZB. Einlagenzins blieb an beiden Sitzungen bei 2,0 Prozent. Im Januar war die Eurozone-Inflation kurz auf 1,7 Prozent gefallen und hatte Zinssenkungsspekulationen ausgelöst – der Iran-Krieg beendete diese Diskussion umgehend. In den März-Projektionen revidierte die EZB die Inflationsprognose auf 2,6 Prozent nach oben und senkte die Wachstumserwartung auf 0,9 Prozent. Lagarde hielt alle Optionen ausdrücklich offen.
Bank of Japan. Hielt bei 0,75 Prozent – dem höchsten Stand seit 1995. Der Ölpreisschock stärkt die Argumente für weitere Erhöhungen; die Mehrheit der Analysten erwartet den nächsten Schritt im zweiten Quartal 2026.
Bank of England. Steigende Energiepreise und schwacher Konsum machten weitere Lockerungsschritte unwahrscheinlich. Der IMF prognostiziert Großbritannien mit 0,8 Prozent das schwächste Wachstum aller großen Volkswirtschaften.
Das erste Quartal 2026 war für Aktieninvestoren das schwächste seit Q3/2022. Der S&P 500 verlor 4,6 Prozent, der Nasdaq 6,7 Prozent, der DAX rund 10 Prozent vom Allzeithoch. Die eigentliche Geschichte lag jedoch unter der Oberfläche: Die Streuung zwischen Gewinnern und Verlierern war eine der größten seit Jahren.
Indizes. Der MSCI World ex USA verlor nur 1,5 Prozent, Schwellenländer legten 4,5 Prozent zu. Value schlug Growth deutlich: MSCI World Value +0,3 Prozent, MSCI World Growth –8,3 Prozent.
Sektoren. Energie war die dominante Kraft des Quartals mit einem Plus von rund 38 Prozent. Technologie war das Schlusslicht – rund 70 Prozent des US-Marktverlusts gingen auf den Techsektor zurück, Software und SaaS traf es am härtesten. Industrie, Rüstung und Grundstoffe hielten sich vergleichsweise gut.
Gewinner. Sandisk +168 Prozent (Flash-Speicher für KI-Rechenzentren), LyondellBasell +88 Prozent, Exxon Mobil und ConocoPhillips je über 40 Prozent.
Verlierer. AppLovin –41 Prozent, MongoDB und Reddit je –42 Prozent, Trade Desk und Workday je –40 Prozent, Adobe –31 Prozent, Salesforce –30 Prozent, Microsoft –23 Prozent (allein verantwortlich für über 30 Prozent des Indexverlusts), Tesla –17 Prozent, Meta –13 Prozent.
Q1 2026 war das Quartal, in dem der Markt physische Assets gegenüber digitalen Lizenzmodellen neu bepreiste. Energie, Rüstung, Infrastruktur und Hardware schlugen Software und Plattformwirtschaft deutlich. Das ist keine zufällige Rotation. Es ist eine Neubewertung dessen, was in einem Umfeld steigender Energiepreise, geopolitischer Unsicherheit und KI-Disruption als wertvoll gilt.
EUR/USD erreichte am 27. Januar mit 1,2016 den höchsten Stand seit Jahren, fiel mit dem Iran-Krieg auf das Quartalstief von 1,1435 Mitte März. Per Saldo blieb der Euro deutlich stärker als zu Jahresbeginn 2025.
Der Schweizer Franken war der klare Gewinner – EUR/CHF fiel vom Hoch bei 0,9329 auf 0,9003.
Der japanische Yen war der klare Verlierer: nahezu 100-prozentige Ölimportabhängigkeit kombiniert mit dem niedrigsten G7-Leitzins von 0,75 Prozent – USD/JPY notierte zeitweise wieder über 156.
Das britische Pfund litt unter dem Doppeldruck steigender Energieimportkosten und schwacher Konjunktur.
Ölexporteur-Währungen wie norwegische Krone, kanadischer Dollar und der brasilianische Real schlugen sich deutlich besser. Der Devisenmarkt wurde zum Energiepreis-Proxy.
Das erste Quartal 2026 war für Rohstoffmärkte das dramatischste seit der Energiekrise 2022.
Öl. Brent startete bei 62 Dollar, überschritt am 8. März erstmals seit vier Jahren die 100-Dollar-Marke und erreichte einen Quartalshöchststand von rund 126 Dollar – ein Anstieg von 67 Prozent. Die Schließung der Straße von Hormuz brach den Tankerverkehr in der ersten Märzwoche um 95 Prozent ein. Maersk, CMA CGM und Hapag-Lloyd stoppten sämtliche Transits.
Erdgas. Der Angriff auf Katars LNG-Komplex Ras Laffan – verantwortlich für 20 Prozent der globalen LNG-Produktion – ließ asiatische Spotpreise in einer einzigen Woche um über 140 Prozent steigen, europäische Gaspreise legten am Kriegstag über 46 Prozent zu. Die Schäden erfordern drei bis fünf Jahre zur vollständigen Reparatur.
Gold. Hatte bereits vor dem Kriegsausbruch dauerhaft über 5.000 Dollar notiert; der 28. Februar trieb den Preis auf über 5.300 Dollar – ein Tagesgewinn von über 200 Dollar. J.P. Morgan und Deutsche Bank haben ihre Jahresziele auf 6.000 bis 6.300 Dollar angehoben. Silber überschritt kurz die 96-Dollar-Marke.
Weitere Rohstoffe. Aluminium legte 16 Prozent zu. Düngemittelpreise stiegen bis zu 40 Prozent – da Energie 70 Prozent der Herstellungskosten ausmacht und Iran, Kuwait und Katar rund 45 Prozent des globalen Schwefels liefern. Die Folgen für Nahrungsmittelpreise sind absehbar. Kupfer als einziger großer Rohstoff mit negativer Quartalsperformance (–3 Prozent); Wachstumssorgen überwogen die strukturell bullische Nachfragestory.
Der Ausblick auf Q2/2026
Das zweite Quartal beginnt mit einem Hoffnungsschimmer: Am 7. April vereinbarten die USA und der Iran einen zweiwöchigen Waffenstillstand. Die Märkte reagierten mit einer Rally und der S&P 500 stieg auf ein neues Allzeithoch. Doch der Waffenstillstand ist fragil, die Infrastrukturschäden im gesamten mittleren Osten erfordern Jahre zur Reparatur, sodass die Inflationseffekte des Energieschocks auch nach einem Kriegsende nachwirken werden.
Der Verlauf des Iran-Konflikts bleibt die alles entscheidende Variable.
> Wir sehen drei Szenarien.
- Basisszenario: Kriegsende in Q2, Öl normalisiert auf 70 bis 80 Dollar, Notenbanken auf Pause, Märkte erholen sich bis Jahresende. Das Sondervermögen entfaltet ab der zweiten Jahreshälfte spürbar Wirkung; die Bundesbank erwartet ab Q2 eine deutliche Beschleunigung des deutschen Wachstums durch Staatsaufträge in Rüstung und Infrastruktur.
- Negativszenario: Konflikt eskaliert oder Hormuz-Blockade bleibt durch den Sommer. Öl über 100 Dollar, EZB zu Zinserhöhung gezwungen, Deutschland und Italien gleiten in technische Rezession. Positionierung: Defensive Qualität, kurze Anleiheduration, Gold.
- Positivszenario: Schnelles Kriegsende, Öl unter 75 Dollar, Notenbanken lockern noch 2026. Die strukturellen Treiber – europäischer Rüstungszyklus, US-Reindustrialisierung, KI-Infrastrukturausbau – wirken ungefiltert.
Was unabhängig vom Szenario gilt: Die Unternehmensgewinne sind fundamental stark – S&P-500-Gesellschaften meldeten für Q1 ein Gewinnwachstum von 13,2 Prozent, das sechste Quartal in Folge mit zweistelligem Wachstum. Value schlägt Growth strukturell, solange Energiepreise und Zinsen erhöht bleiben. Europäische Industriewerte, Rüstungsadjazenz und Infrastrukturtitel bleiben durch das Sondervermögen langfristig unterstützt. Das Quartal hat schmerzhaft daran erinnert, dass Geopolitik Fundamentaldaten kurzfristig überschreiben kann – nicht aber, dass die Fundamentaldaten falsch lagen.
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